
Ersetze „Müssen" durch "Möchten“
und verändere deine innere Einstellung
Wie oft beginnst du Sätze in deinem Alltag mit „Ich muss“ oder „Ich muss noch“? Bist du dir darüber schon einmal bewusst geworden? Ich war erstaunt, wie oft am Tag ich dieses Wort nutze, was mir vorher überhaupt nicht aufgefallen ist. Vermutlich merkst du schnell: Da kommt einiges zusammen.
- Ich muss noch einkaufen gehen
- Ich muss das Kind vom Kindergarten abholen
- Ich muss meine Mutter zurückrufen
- Ich muss meine Steuererkärung machen
Vielleicht fühlt sich dein Alltag manchmal genau deshalb so schwer an — obwohl du eigentlich Dinge tust, die dir wichtig sind. Welche dieser Sätze sind aber tatsächlich deine Verpflichtung oder eher eine Entscheidung? Was passiert, wenn ich statt „Ich muss“ öfter einmal die Aussage „Ich möchte“ verwende? Und ist das nicht einfach Schönrederei?
Warum wir ständig sagen „Ich muss“
Wir werden geprägt, von dem Umfeld, in dem wir aufwachsen und in dem wir leben. Sieht man sich auf der Straße um, scheinen alle Menschen unentwegt beschäftigt mit irgendetwas. Sollte tatsächlich keine Aufgabe auf uns warten, sind die Sozialen Medien immer mit Neuigkeiten und interessanten Beiträgen für uns da. Nichts zu tun wirkt dann wie eine Lücke, die schnellstens gefüllt werden sollte. Denn wir Menschen sind soziale Wesen und wollen akzeptiert und in der Gesellschaft integriert sein. Dafür geben wir unsere Zeit und Energie. Viele Menschen sind leistungsorientiert erzogen worden. „Sei fleißig, damit was aus dir wird“, kennst du auch diesen Satz aus deiner Jugendzeit? Diese Prägung schlägt sich unterbewusst in unserem Erleben und Verhalten nieder und wird zur Gewohnheit.
Wie Sprache unser Denken beeinflusst
In unserer Sprache spiegelt sich wider, wie wir denken und fühlen. Hast du auch einen Bekannten, der als Pessimist durchs Leben geht? Beobachte einmal bewusst seine Sprache. Oft ist diese negativ geprägt, z.B. „Immer mir passiert sowas“, oder „Das konnte ja nicht gut gehen“. Erhält das Gehirn immer wieder die gleichen Reize durch negative Gedanken, so wird dies irgendwann zum Normalzustand. Das Gehirn ist ein Gewohnheitstier. Das bedeutet, das sich Denkweisen und Verhaltensweisen einprägen und unbewusst immer wieder verwendet werden. Du kannst dir das wie einen Trampelpfad durch eine Wiese vorstellen, der mit jedem Gang breiter wird. Schließlich wird aus ihm ein offener Weg, der als Hauptpfad genutzt wird.
Durch bewusstes Wählen anderer Denkweisen ist es möglich, neue Trampelpfade zu bauen. Wird der neue Pfad immer wieder begangen, so wird dieser irgendwann zum Hauptpfad und der alte verwildert. So ist es möglich, durch veränderte Gewohnheiten in unserer Sprache neue, positive Denkweisen zu integrieren. Wir sind nicht unsere Gedanken – wir denken sie bloß.
Innere Motivation durch Sprache stärken
Was wir zu uns selbst sagen, kann Stress und Druck auslösen — oder uns motivieren. Würdest du dir vor einem wichtigen Termin eher denken „Ich schaffe das“ oder „Das wird sowieso nichts“? Wahrscheinlich wählst du eher die erste Variante, denn diese motiviert dich, während die zweite Variante dich bereits vorher als Verlierer darstellt.
Forscher wie Edward L. Deci und Richard M. Ryan beschreiben in der Selbstbestimmungstheorie drei wichtige psychologische Bedürfnisse: Menschen möchten sich wirksam fühlen, soziale Verbindung erleben und eigene Entscheidungen treffen können.
Wird etwas nur gemacht, weil es dafür eine Belohnung oder Bestrafung gibt, wird das extrinsische Motivation genannt. Auf diese reagieren wir Menschen oft mit Widerstand, denn man erfährt Druck und Fremdbestimmung. Tut man etwas aus eigenem Antrieb, aus Neugier, Freude oder Interesse, wird das intrinsische Motivation genannt. Diese betont Entscheidung, Motivation und Eigenverantwortung. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass die intrinsische Motivation stärker wirkt und zu mehr Wohlbefinden führt als die extrinsische Motivation.
Das passiert, wenn wir „müssen“ mit „möchten“ ersetzen
Kommen wir zurück zu unseren Wörtern „müssen“ und „möchten“. Während der Satz „Ich muss“ eher fremdgesteuert wirkt, klingt „Ich möchte“ freiwilliger und selbstbestimmter. So verändert der Wörtertausch die innere Einstellung zur Sache, da nun der Antrieb von innen heraus kommt. Statt passiv auf eine Pflicht zu reagieren, agiere ich nun freiwillig und autonom, was meine innere Bewertung der Sache verändert, und meine Motivation steigert. Die Handlung bleibt ähnlich — aber die innere Haltung verändert sich. Langfristig kann dies zu mehr Wohlbefinden und erhöhtem Selbstwirksamkeitsgefühl führen.
Der Unterschied zwischen Pflicht und Entscheidung
Sollst du ab sofort das Wort „müssen“ also aus dem Wortschatz streichen? Leider nicht. Denn es gibt sehr wohl Dinge, zu denen wir verpflichtet sind, beispielsweise unseren körperlichen Bedürfnissen nachzugeben, Steuern zu zahlen oder zur Arbeit zu gehen. Denn in deinem Arbeitsvertrag hast du zugestimmt, deine Arbeitsleistung gegen einen Geldwert einzutauschen. Du brauchst Geld, um deinen Lebensunterhalt zu sichern. Nun hat der Satz „Ich muss zur Arbeit gehen“ durchaus seine Richtigkeit. Allerdings hast du jederzeit die Wahl, dir eine andere Arbeitsstelle zu suchen, um damit dein Überleben zu sichern. So könntest du argumentieren: „Ich möchte an diesen Arbeitsplatz, weil …“. Probiere dies gerne einmal aus, und denke darüber nach, welche Vorteile dir dein aktueller Arbeitsplatz bringt. Durch das Bewusstwerden wiegen die Vorteile möglicherweise die Nachteile auf, so dass deine Jobwahl wieder überlegt und freiwillig ist. Du hast es selbst in der Hand, deinen Arbeitsplatz zu hinterfragen und die Entscheidung für einen Jobwechsel zu treffen.
Ein anderes interessantes Gedankenspiel: Wähle eine Pflicht und überlege, was passiert, wenn du diese nicht ausführst.
Beispiel: „Ich muss noch einkaufen gehen“. Was folgt, wenn du nicht einkaufst? Du hast nichts zu essen zuhause und musst an dem Tag hungern oder Reste verwerten. Wahrscheinlich hast du den Rest des Tages schlechte Laune deshalb. Du könntest dir aber auch etwas vom Lieferdienst bestellen. Klingt gut, käme allerdings bei täglicher Bestellung recht teuer. Es bestehen also Handlungsalternativen zum Einkauf. Welche wählst du? Damit kommst du wieder in die Entscheiderrolle und handelst aus eigenbestimmter Motivation.
Schließlich kannst du deine Sprache gezielt nutzen, um deine Motivation zu erhöhen. Hinterfrage den Mehrwert deiner selbst auferlegten Pflichten und werde dir dessen Vorteile bewusst. Schließlich hat dein Handeln einen Grund, der dir nützlich und attraktiv erscheint.
Hier einige Beispiele:
„Ich muss zum Sport“ -> „Ich möchte Sport machen, um gesund und fit zu bleiben“
„Ich muss für das Schulfest einen Kuchen backen“ -> „Ich möchte das Schulfest mit einem Kuchen unterstützen“
„Ich muss lernen“ -> „Ich möchte meinen Abschluss erreichen und komme durch das Lernen diesem Ziel ein Stück näher“
Vielleicht liegt die Belastung manchmal nicht nur in unseren Aufgaben, sondern auch in der Sprache, mit der wir sie betrachten und bewerten. Hier kann es helfen, das Wort „müssen“ mit „möchten“ zu tauschen.
Erkenne die Grenzen dieser Methode
Du darfst anerkennen, dass es im Leben Pflichten gibt, die du ableisten musst, um zu überleben und in dieser Gesellschaft als Mitglied Anteil zu haben. Es geht nicht darum, sich alles schön zu reden und in eine toxische Positivität zu verfallen.
Aus manchen Pflichten kannst du allerdings bewusste Entscheidungen machen, da diese die besten Handlungsoptionen für dich darstellen. Außerdem kannst du die Methode anwenden, um deine Motivation zu stärken, indem du den Nutzen für dein Handeln hervorhebst. So kannst du in eine eigenbestimmte Motivation wechseln, die langfristig deine Zufriedenheit und deine Selbstwirksamkeit stärkt. Ich selbst nehme inzwischen öfter meine „Ich muss“-Sätze wahr und baue diese aktiv um. Ein einziges Wort verändert nicht unser ganzes Leben. Aber manchmal verändert es die Haltung, mit der wir durchs Leben gehen.
